Boiling Boiling: Ein Hexenhaus und eine Sommerresidenz

Unsere Fahrt aus Joburg hat dank der Rushhour mehr als das Dreifache der geplanten Zeit verschlungen. Bevor wir die Stadt verlassen ist es schon stockfinster. Allerdings erleben wir auch, wie aufmerksam in Südafrika Auto gefahren wird. Trotz heillos verstopfter Straßen ist ein Spurwechsel kein Problem, an unübersichtlichen Kreuzungen werden wir freundlich durchgewunken und die Interaktion mit anderen Verkehrsteilnehmern ist überraschend positiv. In D hätten wir zur Rushhour in grimmige Gesichter geblickt, jeder auf seinen Vorteil bedacht um bloß ein paar Minuten früher anzukommen.

Endlich auf der Autobahn in Richtung Norden haben wir uns schon fast an die Linksfahrerei gewöhnt. Das Überholen geht gut von der Hand und gegen 21 Uhr erreichen wir Bela Bela. Das Örtchen ist nach den heißen Quellen benannt, die in unmittelbarer Nähe aus dem Boden sprudeln. Aus ¨Boiling, Boiling¨ wurde mit der Zeit Bela Bela.

Wie lange wir bleiben werden, wissen wir noch nicht. Erstmal ist Bela Bela nur ein Zwischenstopp auf dem Weg zum Krüger Nationalpark (KNP). Unsere Planung für den ersten Monat ist rudimentär und bis auf KNP, God´s Window, St. Lucia und Küste am indischen Ozean (South Coast oder Wild Coast) haben wir keine konkreten Ziele.

Buchen ohne Fluchen

Seit Joburg haben wir uns angewöhnt, unsere Unterkunft für den kommenden Tag erst am Abend davor zu buchen. Meist nutzen wir die Webseite Booking.com und machen einen kleinen Gegencheck bei Tripadvisor, um die Kritiken vorheriger Besucher zu analysieren. Manchmal nutzen wir auch unsere zwei Reiseführer, die allerdings mit weniger aktuellen und insgesamt auch weniger Empfehlungen keine entscheidende Rolle spielen. Wir suchen hauptsächlich nach günstigen Unterkünften, die etwas über Backpacker-Niveau liegen und uns nicht schon im ersten Monat arm machen. Nach einer kurzen Recherche entscheiden wir uns für das Guesthouse ¨Golden Lantern¨, dass uns inkl. Frühstück umgerechnet nur 35 Euro die Nacht kostet.

Nachdem wir erst bei Dunkelheit und für afrikanische Verhältnisse sehr spät in dem Örtchen einrücken, finden wir das Guesthouse verschlossen vor. Alle Zimmer sind schon dunkel und der Parkplatz gut belegt. Nachdem wir Sturm klingeln, öffnet uns eine skeptische Empfangsdame und führt uns in ihr Office. Sie beäugt uns misstrauisch und will unbedingt eine Buchungsbestätigung sehen. Von Booking.com hat sie noch nie gehört und auch die Email auf meinem Handy (in deutsch…) überzeugt sie nicht. Wir zweifeln schon, ob die Goldene Laterne überhaupt ein Zimmer für uns hat. Ein Wink mit Bargeld zaubert dann doch ein Lächeln auf ihr Gesicht. Zu diesem Zeitpunkt dachten wir, alle Schwierigkeiten seien überstanden, aber das Haus stellt uns noch vor ganz andere Herausforderungen.

Das Guesthouse ist dermaßen mit Raritäten und Antiquitäten vollgestellt, dass wir mit unseren Rucksäcken auf dem Weg ins Zimmer beinahe sämtliche flankierenden Regale abräumen. Unser Zimmer gleicht ebenfalls einem kleinen Antiquitätenladen. Alles ist bis unter die Decke vollgestellt, ein Dutzend Tischlampen zieren das Regal, seltsame Gipsabdrücke von zierlichen Brüsten hängen an der Wand und Firlefanz wohin wir blickten. Es ist das reinste Sammelsurium. Die Einrichtung ist nicht mein Stil,  allerdings wirkt alles mit viel Hingabe organisiert und eingerichtet. Hier ist offensichtlich eine sehr engagierte Innenarchitektin am Werk.

Nachdem unser Gepäck dann doch ohne größere Verluste im Zimmer landet, verzweifeln Isi und ich an den Türschlössern. Erst schließen wir uns komplett aus dem Haus aus, dann ich mich im Bad ein. Um das Bad zu verlassen muss ich die Tür vom Türrahmen mit den Füßen wegdrücken. Das Türschloss im Bad ist nach dieser Aktion dahin – oder es hat einfach nie funktioniert. Isi macht es mir im Laufe der Nacht  nach und schließt in alter Gewohnheit die Badezimmertür hinter sich. So wird auch sie von dem Haus gefangen. Ich wache in der Nacht durch das scheppern der Tür auf und Isi kann sich mit meinem Trick auch aus dem Bad befreien. Leider bleibt unsere Dusseligkeit nicht ganz unbemerkt. Überwacht werden unsere Aktionen von einer gruselig dreinblickenden Schaufensterpuppe, die vor dem Bad auf Posten steht und uns nicht aus den Augen lässt.

Bela Bela ist ein winziger Ort und zu später Stunde gibt es nur noch in Hotels etwas zu essen. Wir finden nach einigem Suchen eine helle Tür und laden uns selbst ein. Vor uns stehen die Reste eines Buffets und der Kellner erklärt, dass die Küche schon geschlossen sei. Nach einigem Diskutieren landen dann doch zwei saftige T-Bone-Steaks vor uns und so klingt der zweite Abend mit vollem Magen aus. Zeit und Muße für weitere Planungen haben wir nicht mehr, wir sind froh  ins Bett zu fallen. Fallen ist auch das richtige Wort. Nachts versuche ich ohne Sachbeschädigungen ins Bett und wieder zurück zu schleichen. Aus lauter Vorsicht vor der Einrichtung falle ich ins Bett und reiße dabei das Moskitonetz von der Decke. Das ist uns dann auch egal und so bleiben wir unter dem Netz begraben bis zum nächsten Morgen liegen.

Das Frühstück am Morgen ist wunderbar. Die gestern noch so reservierte Empfangsdame serviert uns Rührei mit Hackfleisch, Speck und Würstchen, dazu Toast, Marmelade und Joghurt. Unterhalten werden wir von Gilbert, einem kleinen Kanarienvogel, der wie ein General durch die Küche stapfte und ein unheimliches Gezetter von sich gibt. Neben seiner Gesellschaft werden wir noch von zwei Hunden im Taschenformat begrüßt. Isi bemerkt ganz trocken, dass der Schmälere von beiden die Kate Moos der Hundewelt sein müsse. Ich wette ein Windstoß hätte ihn von den Beinen gefegt. Der Arme zitterte auch fortwährend am ganzen Leib und ist sich seiner Zerbrechlichkeit wohl bewusst.

Nach einer abschließenden Unterhaltung mit den sehr netten und hilfsbereiten Eigentümern beschliessen wir, erstmal in die heißen Quellen abzutauchen und verschieben die weitere Planung auf den Nachmittag.

Luxusbadewanne(n)

Das Bela Bela Warm Bath ist ein Hotel mit angrenzendem Freibad oder besser Abenteuerbad. Von Baden, über Riesenrutschen bis Miniquad-Fahren kann man dort so ziemlich alles machen. Wir liegen den ganzen Tag in der Sonne und chillen im Pool, der eine Temperatur hat, wie das Kinderbecken im alten Hofheimer Schwimmbad. So etwas über der eigenen Körpertemperatur, aber nicht zu heiß um einen zu erschöpfen. Da wir außerhalb der Saison unterwegs sind, gehört das Bad bis zum Nachmittag uns. Erst später strömen Massen an Einheimischen hinein. Wir müssen Stunden in dem warmen Wasser verbracht haben. Am Ende des Tages ist unsere Haut so schrumpelig, dass ich kaum das Lenkrad halten kann.

Viel geplant haben wir an diesem Tag natürlich nicht. Nach Joburg, unserer Geschichtsstunde und der Fahrt hierher wollen wir erstmal Kräfte sammeln. Wir bleiben dann auch in Bela Bela. Allerdings tauschen wir das kleine Hexenhaus für die folgenden Tage gegen das Summerset Country House, das etwas außerhalb des Ortes liegt. Die Unterkunft ist das absolute Gegenteil von unserer vorangegangenen Übernachtung. Weitläufig, riesige Zimmer, Badewanne in den Boden eingelassen, ordentliche Minibar und ein klasse Empfang. Wir sind für zwei Nächte die einzigen Gäste und fühlen uns wie Adlige in unserer Sommerresidenz. Im Garten wuseln die Gärtner, am Empfang sitzt eine sehr hilfsbereite und liebenswürdige Dame, das Frühstück wird uns von dem Küchenchef serviert und der Eigentümer kümmert sich um unsere weiteren Buchungen. Traumhaft. Besonders die Betten haben es mir angetan. So schön hart und gleichzeitig kuschelig bin ich noch nie gebettet worden. In so einer Umgebung ist die weitere Planung kinderleicht.

Zebula Game Reserve

Von der Neugier getrieben buchen wir für den kommenden Tag unseren ersten Gamedrive, so nennt man hier die geführten Ausfahrten in die Naturreservate Südafrikas. Unser Ziel ist das Zebula Game Reserve. Das Reservat kann zwar nicht mit den Big Five aufwarten, ist aber ein super organisiert mit zugehöriger Lodge und eigener Landebahn. Zusätzlich verfügt das Reservat über einen kleinen Zoo mit Erdmännchen, zahlreichen Schlangen, Krokodilen und Löwen.

Zusammen mit zwei Franzosen fahren wir mit Gerson unserem Guide zwei Stunden durch den Busch. Die ersten Sichtungen sind sehr schön und bestätigten irgendwie, dass wir wirklich in Afrika gelandet sind. Wir sehen Gnus, Impalas, Zebras, Giraffen, Paviane, Elands, Büffel und Warzenschweine. Gerson erzählt von den wildbiologischen Besonderheiten der Tierarten und wir tauchen für zwei Stunden in das Afrika ein, was wir uns vor unserem Abflug gewünscht haben. Mit Wind im Haar, Staub zwischen den Zähnen und einem holpernden Geländewagen unter dem Arsch fühlt man sich einfach frei. Bei der ganzen Holperei muss man(n) nur aufpassen, dass einen die eigene Kamera nicht zum Eunuchen schlägt.

Unterwegs findet Gerson einen etwa handtellergroßen Kothaufen und quetschte den Saft heraus. Er erklärte, dass man so in der Wildniss Flüssigkeit gewinnen könne. Und wirklich, es schmeckt nicht so schlecht wie man sich das vielleicht vorstellt. Der Geschmack und der Geruch erinnern irgendwie an Kompost. Leider kann ich mich nicht erinnern zu welchem Tier die Verdauungsreste gehörten. Glücklicherweise finden wir kurz darauf eine Teufelspflanze (Devil´s Claw oder Soap-Plant), die man im Busch zum Waschen verwenden kann. Diese kleine Pflanze hat an den Stängeln zwei Zacken, die wie Teufelshörner aussehen. Zerquetscht man die Stengel entsteht eine seifige oder ölige Flüssigkeit, die Gerüche neutralisiert.

Zurück in der Zebula Lodge können wir zum Abschluss unseres Gamedrives mit einer Schlange schmusen. Aufgeladen mit vielen Eindrücken, afrikanischem Staub in jeder Kleiderfalte und zahlreichen Fotos fahren wir zurück in unsere Sommerresidenz. Isi übernimmt auf dem Heimweg zum ersten Mal das Steuer. Angekommen sind wir natürlich gut, diesmal noch geradeso mit Tageslicht, und lassen den Abend ganz unafrikanisch bei Wimpys Burger ausklingen.

(Oben im Bild unsere Badezimmer-Wache.)

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Das Hexenhaus.

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Unsere kleine Höhle.

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Die Sommerresidenz.

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Das Begrüßungskomitee im Zebula Game Reserve.

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Impala-Junggesellen beim Kräftemessen.

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Huch, ich esse gerade.

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Noch ein Impala.

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Zwei Schönheiten.

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Die Kameralinse ist weiter links…

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Fotoshooting.

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Ein Kuscheltier zum Abschied.

7 Comments on “Boiling Boiling: Ein Hexenhaus und eine Sommerresidenz

  1. Ich weiß nicht, ob ich mich mehr vor dem Hexenhaus oder Schlange fürchten soll. Müsste ich mich entscheiden, wählte ich den Kothaufen 😉

    Vermissende Grüße!

  2. R E S P E K T !!!!
    Das unterschreib ich mit. – 10 mal verneig EHRFURCHTSVOLL!!! – 🙂 – das mit dem Kothaufen ist der HAMMER – mich schüttelt es jetzt noch. – Ganz liebe Grüße euch beiden.

  3. Hallo mein Lieber,
    alles Liebe und Gute zu deinem Geburtstag und die besten Wünsche für eure weitere Reise.
    Geniesse den Tag und lass dich feiern.
    Wir denken an dich, drücken dich und trinken ein Glas auf dich !
    Wir haben gerade deinen Bericht über eure neue Unterkunft gelesen. Seid ihr sicher in einem Guesthouse gelandet zu sein und nicht im Museum für angewandte Kunst ? Sieht ja toll aus und für diese Erlebnisse am ersten Tag zahlen manche Leute viel Geld. Weiterhin viel Spass auf eurer Reise und einen wunderschönen Tag,
    Gretel u. Paul

  4. HAPPY BIRTHDAY lieber Nils,

    und alles erdenklich spannend Gute für euer Abenteuer und feiert mal schön.

    Liebe Grüße

    Erhard und Danny

  5. Hey Nils,

    Alles Gute zum Geburtstag!!

    Hoffe ihr habt weiterhin ne gute Zeit und lasst es euch an deinem Geburtstag gut gehen!
    Super Bilder – meint man fasst das waere der ‚Vadder‘ wenn die jetzt in schwarz/weiss waeren 😉

    Geniesst die Zeit!!!

    Gruss aus Bangkok

  6. Alles alles Liebe zum Geburtstag Nils!
    Hoffe ihr habt nen schönen Tag gehabt, aber bei den ganzen Erlebnissen und Bildern kann ich mir nichts anderes vorstellen 🙂
    Also feiert noch schön, habt weiterhin viel Spaß und arbeitet an eurem Camera posing ;P
    Liebe Grüße
    Svenni & Basti

  7. Hallo Ihr zwei ich hoffe es geht euch gut und Ihr habt jedemenge Spaß.
    Nils nachträglich alles gute zu deinem Geburtstag von Petra und den Jungs und nartürlich von mir.
    Bitte halte uns weiter mit Bild und Wort auf dem laufenden.

    Viele grüße aus der Heimat von:Benny und Jürgen Mehler