Orang-Utans in Borneo

Dichter Dschungel, wildlebende Orang-Utans, Geschichten von Kopfjägern und weißen Rajas. Wenn der Name Borneo fällt, bekommen Naturliebhaber feuchte Höschen. Ich bin da keine Ausnahme.

Borneo ist die drittgrößte Insel der Welt und liegt im malaysischen Archipel in Südostasien. Die Inselfläche wird gleich von drei Staaten beansprucht: Malaysia, dem ölreichen Zwergenstaat Brunei und Indonesien. Wir fliegen von Kuala Lumpur nach Kuching in den malaysischen Teil Borneos.

Kuching ist mit etwa 650.000 Einwohnern die größte Stadt auf Borneo und ein idealer Ausgangspunkt, um die umliegenden Nationalparks zu erkunden. Die Stadt hat eine außergewöhnliche Geschichte, denn im 19. und 20. Jahrhundert regierte hier die englischsstämmige Familie Brooke, deren Mitglieder auch weiße Rajas genannt wurden. Sie erhielten ihre Regentschaft irgendwann im 19. Jahrhundert von dem damaligen Sultan von Brunei, weil sie ihm halfen, die aufständige Bevölkerung zu befrieden. Daher stehen in Kuching auch einige Gebäude aus der  Kolonialzeit. Sonst lenkt nichts davon ab, schnellstmöglich in den Dschungel zu kommen.

Semenggho Naturreservat

Von Kuching aus sind mehrere Nationalparks leicht mit dem öffentlichen Bus erreichbar. Unser erstes Ziel ist das Semenggho Naturreservat, zu dem eine Aufzuchtstation für Orang-Utans gehört. Seit 1976 werden dort Tiere wieder in ihren natürlichen Lebensraum zurückgeführt, die vorher mit zu viel Menschennähe aufgewachsen sind. Mittlerweile verzeichnet das Zentrum auch Geburten in freier Wildbahn. Zweimal täglich bieten die Ranger Fütterungen auf Holzplattformen im Dschungel an. Mit etwas Glück bekommen die Besucher einen oder mehrere der aktuell 27 rothaarigen Affen zu Gesicht. Eine Garantie gibt es nicht. Die Affen leben frei in dem Reservat und kommen nur dann, wenn sie Hunger haben (oder neugierig sind).

Die Chancen für eine Sichtung im Dezember sind verhältnismäßig schlecht, denn zu dieser Jahreszeit ist der Dschungel voll mit Früchten. Ebenso schlecht sind die Aussichten auf gutes Fotolicht, denn während der Monsunzeit ist der Himmel meist wolkenverhangen.

Semenggho ist auf den einschlägigen Reiseseiten im Netz populär vertreten und wir sind überrascht, als wir mit dem ersten Bus morgens aus Kuching anreisen, und mit uns nur zwei weitere Touristen aussteigen. In der Hoffnung auf ein sehr privates Abenteuer machen wir uns auf die halbstündige Wanderung, die über eine Asphaltstraße vom Parkeingang zum Informationszentrum und der Fütterung führt.

Affenabitur

Das Informationszentrum ist in der Nebensaison (und vielleicht auch aufgrund der frühen Uhrzeit) fast verwaist. Drei Krokodile liegen einsam in ihren vergitterten Tümpeln. Sonst ist noch nichts zu sehen und außer den unermüdlichen Zikaden auch nichts zu hören. Keine Affenschreie, keine schreienden Kinder. Noch sind wir mit den zwei anderen Touristen alleine.

Das Informationszentrum des Reservats ist eine große Hütte, die, entgegen ihrem unscheinbaren Äußeren, unterhaltsam über die Entwicklung des Parks und der Aufzuchtstation berichtet. Fotos zeigen die Prominenten des Reservats, die mit ihrem menschlichen Gesichtsausdruck keinen Zweifel daran lassen, dass uns nur wenige genetische Variationen evolutionär voneinander unterscheiden. Die Aufzuchtstation bietet ihren Zöglingen volle Schulbildung bei kostenloser Kost und Logis.

Im Kinderkarten lernen die Affen grundlegende Dinge wie greifen, klettern und essen. In der Mittelstufe geht es in den Wald. Frei klettern. Essen auf Bäumen finden. Schlafplätze bauen. In der Oberstufe lernen die Affen längere Zeit im Wald zu überleben, bleiben über Nacht und müssen sich selbst verpflegen. Erst wenn sie die letzte Ausbildungsstufe erfolgreich gemeistert haben, werden sie frei in den Wald entlassen.

Verdammt, da sind sie…

Nach einer halben Stunde, treten wir aus dem Infozentrum und stehen zu unserem Erstaunen und unserer Enttaeuschung in einer riesigen Menschentraube. Mittlerweile sind die obligatorischen Pauschaltourenbusse eingetroffen und haben ihre Ladung Flipflop-Träger und Selfiestick-Kämpfer ausgespuckt. Statt vier interessierten Beobachtern hoffen nun mindestens 100 Affen darauf ihre Verwandten zu sehen.

Der aufgetauchte Ranger klettert auf ein kleines Podest und mahnt die Gruppe zur Ruhe. Der Erfolg ist leider überschaubar. Kleinen Kindern verzeihe ich fast jeden akustischen Ausfall bei so einem Erlebnis, telefonierende Erwachsene möchte ich einfach schlagen. Während Isi und ich versuchen die aufkommende schlechte Laune herunter zu schlucken, bewegt sich der Tross langsam zu der 500 Meter entfernten Fütterungsstelle im Dschungel. Aus dem grünen Dickicht sind mittlerweile laute Tarzanschreie zu hören, die menschlichen Ursprungs sind. Ranger versuchen die Tiere anzulocken.

Affentheater

Mitten im Wald steht eine vierreihige Tribüne, auf die sich die menschlichen Affen verteilen. Das geht natürlich nicht ohne Ellenbogeneinsatz, Selfiestangenzweikampf und Lautäußerungen wie in der heimischen Kantine. Würde ich mich nur 5% genetisch von den Menschen um mich herum unterscheiden, ich würde meine Bananen selbstständig auf der nächsten Palme suchen.

Gegenueber der Zuschauerränge steht unser Ranger mit einem Walkie-Talkie. Einige der Orang-Utans seien gesichtet worden, jedoch noch sehr weit weg. Isi und ich blicken auf die Uhr. Die Besuchergruppe hat genau eine Stunde bis sie wieder aus der Fütterungszone verschwunden sein muss, damit die Affen ihre Ruhe haben. Uns bleiben jetzt noch 30 Minuten.

Während sich die Franzosen vor uns auf der Tribüne mit Selfies beschiessen und ein aufgeregter Chinese mit seiner überdimensionierten Kamera Fotos von den Franzosen macht, die gerade Fotos von sich selbst schiessen, hoffen wir inständig noch ein paar Affen mit DNA-Abweichung zu sehen. Da kommt überraschend das Kommando unseres Rangers: Die Besuchergruppe muss wieder zurück an den Sammelplatz. Dort seien einige Orang-Utans unterwegs.

Während sich 100 Mann über einen schmalen Feldweg durch den Dschungel schieben, versuchen Isi und ich Boden gut zu machen. Zum Glück sind die meisten durch ihr unpassendes Schuhwerk gehindert, um mit uns Schritt zu halten. Zurück am Informationszentrum sehen wir schon nach wenigen Minuten Bewegung in den Baumkronen. Das Rangerteam ist mittlerweile auf vier Mitglieder gewachsen und dirigiert die Touristen zu einer Stelle, von der wir einen guten Blick haben.

Erhaben, verspielt und ängstlich

Endlich sehen wir sie. Zwei unserer Verwandten hängen nur fünf Meter entfernt in einem Baum. Es ist die Oma des Reservats, die 1976 als erstes Tier in diesem Reservat angesiedelt wurde. Mittlerweile ist sie 47 Jahre alt. Während sie ganz unaufgeregt im Baum hängt, klettert neben ihr ein aufgekratztes Männchen umher. Es ist ihr Enkel, wie wir später erfahren. Der Kleine springt ganz aufgeregt von Ast zu Ast, lässt sich von einer Liane baumeln, verschwindet wieder hinter seiner Oma, um sich dann schüchtern unserem Ranger zu nähern.

Er weiss, dass es hier ein paar Leckereien zu holen gibt, aber er ist nicht mutig genug, um alleine hinunter zu klettern. Mehrmals streckt er seine Hände nach dem Ranger aus, während er kopfüber von einem Ast baumelt. Aber es fehlen noch ein paar Meter um die Bananen und die Milchflasche  zu greifen.

Uns gibt das freudige Minuten in denen wir staunen, Fotos schießen, staunen und Fotos schießen. Mittlerweile haben wir die Sonne im Rücken und ich merke nicht, dass ich mittlerweile pitschnass geschwitzt bin. Die Menschentraube um mich herum ist erstaunlich gut zu ertragen. Selbst in der dritten Reihe können Isi und ich noch über alle Köpfe hinweg blicken. Undenkbar in anderen Teilen dieser Welt.

Langsam und bedächtig klettert die Oma den Baum hinunter. Ihr Enkel wird immer aufgeregter, klettert auf und über sie, bis beide die letzten Meter durch das Blätterdach auf den Boden rauschen. Elegant stolziert die Großmutter aus dem Unterholz. Der Kleine klammert sich am Rückenfell seiner Oma fest und kommt im Gänsemarsch hinterher. Wir können gut beobachten, dass die Orang-Utans sich nicht auf den Knöcheln fortbewegen, wie Gorillas oder Schimpansen, sondern auf den Fäusten und Handkanten. Der Ranger führt beide auf eine nahegelegene Plattform, wo es die ersehnten Leckereien gibt.

Mittlerweile haben sich viele Besucher abgewendet, sodass wir noch einige Minuten andächtig den zwei wundervollen Geschöpfen nachblicken können. Wahrscheinlich haben die Fahrer der Tourbusse Druck gemacht, denn als wir uns umdrehen ist die Besucheranzahl auf etwa die Hälfte gesunken. Nach wenigen Minuten schlendert unser Chefranger einen abgesperrten Waldweg entlang, auf dem die Besucher nicht folgen dürfen. Die Orang-Utans folgen ihm einige Meter, bis sie im Dickicht verschwinden.

Galerie

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Praktisches

Zwar schreibt die Tourismusbehoerde in Kuching, dass Busse kein zuverlaessiges Verkehrsmittel seien, aber wir sind sehr gut damit zum Nationalpark und zurueck nach Kuching gekommen. Bus 6 und K6 fahren ab 7 Uhr vom Busbahnhof (gegenueber der Moschee Masjid Bahagian Kuching) zum Semenggho Nationalpark. Preis zwischen 3 und 4 Ringgit (knapp 1 Euro). Abfahrt in Kuching und Abholung am Park waren auf die Minute genau.

Der Parkeintritt kostet fuer Erwachsene (Auslaender) 10 Ringgit (2,30 Euro). Damit kann man beide Fuetterungen um 9 Uhr und um 15 Uhr besuchen. Wer mit dem Bus anreist und die spaete Fuetterung besucht, sollte sich informieren, wann der letzte Bus am Park abfaehrt. Nach unseren Informationen gibt es die letzte Verbindung um 16 Uhr, die bei einer erfolgreichen Sichtung am Nachmittag fast unmoeglich zu erreichen ist.

Wer eine saubere, gemuetliche von Einheimischen gefuehrte Unterkunft sucht, dem koennen wir das Marco Polo Guesthouse empfehlen. Samuel und seine Familie fuehren die Unterkunft seit sechs Jahren und haben sie zu einer unaufgeregten und entspannten Bleibe entwickelt. Die Reviews der einschlaegigen Portale sprechen fuer sich.

Stand der Informationen 10. Dezember 2014

One Comment on “Orang-Utans in Borneo

  1. Mein lieber Nils,
    Ihr seid ja schon weit gekommen in dem halben Jahr, bin immer wieder deeply impressed wenn ich gelegentlich einen virtuellen Blick auf euer großes Abenteuer werfe. Wünsche euch noch viel Spass und schöne Weihnachten, rutscht gut rüber!
    WMH, freue mich auf ein Wiedersehen!
    Maddin